Der Wald in uns. Alte Geschichten, neue Verbindung.

Warum wir ihn fürchten und weshalb wir ihn heute mehr denn je brauchen.

Der Wald ist für mich ein Ort voller Weichheit, Stille und Kraft. Ein Ort, der mich jedes Mal erinnert, wie wohltuend es ist, loszulassen. Und trotzdem erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen sich im Wald unwohl fühlen. Manche sogar richtig Angst haben.

Selbst heute, wo wir beschilderte Wege, Forschung und Orientierungshilfen haben, bleibt der Wald für viele ein geheimnisvoller Raum. Etwas in uns reagiert aus unserem Inneren heraus, instinktiv, oft mit einer Mischung aus Faszination und Unbehagen.

Ein Blick in die Kulturgeschichte

Unsere Gefühle gegenüber dem Wald entstehen nicht nur aus dem, was wir selbst erlebt haben. Vieles davon tragen wir seit Kindertagen in uns, aus den Geschichten, die uns geprägt haben. Der Volkskundler Albrecht Lehmann beschreibt in seiner Studie Von Menschen und Bäumen, dass unser Waldbewusstsein stark von Märchen, Mythen und Sagen beeinflusst ist. Erzählungen aus einer Zeit, in der Menschen ohne Karten, GPS oder ausgeschilderte Wege unterwegs waren. Für sie war der Wald wirklich ein Ort des Unbekannten und oft auch des Unheimlichen.

Auch Dr. Sabine Wienker-Piepho zeigt, wie stark archetypische Ängste in unseren Walderzählungen verwurzelt sind. Rund die Hälfte der Grimm Märchen spielt im Wald. Und meist genau dort, wo etwas Bedrohliches wartet oder wo Heldinnen und Helden Prüfungen bestehen müssen. Das prägt. Unbewusst, aber wirkungsvoll.

Wo meine Wurzeln ins Spiel kommen

Ich habe slawische Kulturgeschichte studiert und dort gelernt, wie viele der Wald-Motive, mit denen wir aufwachsen, ihre Wurzeln in alten slawischen Sagen haben. Aus jenen Regionen, aus denen auch meine Familie kommt. Auch dort war der Wald lange kein Ort der Ruhe oder Freizeit. Er war eine Grenzlandschaft zwischen Bekanntem und Unbekanntem. Dunkel, unberechenbar, ein Raum, in dem Kräfte wirkten, die wir nicht kontrollieren konnten.

Ein sehr treffendes Beispiel dafür ist Baba Yaga (auch Baba Jaga), eine zentrale Figur in der slawischen Folklore. Sie lebt tief im Wald, in einer Hütte auf Hühnerbeinen. in Bild dafür, dass dieser Raum jenseits unserer gewöhnlichen Wege liegt. Manchmal hilft sie, manchmal bedroht sie. Sie steht für das Wilde, das Unkontrollierte, das zu innerer Wandlung zwingt. Solche Figuren zeigen, dass der Wald früher nicht einfach ein Ort voller Bäume war. Er war eine Grenze. Eine Schwelle zwischen Leben und Tod, zwischen Mensch und Natur, zwischen Alltag und Abenteuer. Ein Ort, an dem geprüft wurde, wer wir sind und ob wir bestehen.

In vielen slawischen Märchen musste die Heldin oder der Held den Wald durchqueren, Aufgaben meistern, sich Ängsten stellen, Vertrauen entwickeln. Der Wald war damit immer auch ein Weg nach innen. Eine seelische Schwelle, die Mut und Offenheit verlangte.

Für mich bedeutet das: Wenn ich heute mit Menschen in den Wald gehe, ob beim Waldbaden oder im Coaching, schreibe ich diese Geschichte ein Stück weiter. Ich begleite nicht in eine Kulisse, sondern in einen lebendigen Raum, in dem unsere Körper, unsere Gefühle und unsere Seele wieder spüren dürfen, was unsere Vorfahren kannten: Nicht zuerst Gefahr, sondern Verbindung. Nicht zuerst Flucht, sondern Ankommen.

Moderne Ängste, alter Kern

Vor kurzem hat mich wieder eine Frage erreicht, die ich extrem häufig gestellt bekomme: Hast du keine Angst, alleine in den Wald zu gehen? Ich habe zurückgefragt, wovor genau. Die Antwort war hart und ehrlich. Überfall. Übergriffe. Schlimmeres. Diese Antwort zeigt, wie sehr sich alte Erzählmuster mit heutigen Ängsten verweben. Ein Mix aus realen Sorgen, gesellschaftlichen Bildern und dem fehlenden Gefühl von Verbindung.

Wenn wir uns selbst nicht spüren, vertrauen wir dem Wald nicht. Wenn wir die Natur kaum noch erleben, fühlt sie sich fremd an.

Was der Wald wirklich mit uns macht

Dabei schenkt uns der Wald genau das, wonach sich so viele sehnen. Ruhe. Klarheit. Entlastung. Das Nervensystem kommt herunter, die Atmung wird tiefer, der Körper lässt los. Die Forschung zum Waldbaden bestätigt das längst. Der Wald ist kein Bedrohungsraum. Er ist ein Regenerationsraum. Gleichzeitig zeigt der Wald uns sehr ehrlich, wie wir gerade innerlich aufgestellt sind. Sind wir angespannt, kontrolliert, im Kopf? Oder dürfen Körper und Nervensystem sich wieder weiten, vertrauen und ankommen? Diese Verbindung ist etwas, das viele Menschen erst wieder lernen müssen. Nicht theoretisch. Im Erleben.

Warum diese Arbeit für mich so wichtig ist

Genau deshalb begleite ich Menschen in den Wald. Nicht, um ihnen irgendwelche Methoden überzustülpen, sondern um sie wieder mit etwas zu verbinden, das eigentlich selbstverständlich ist. Natur. Atem. Selbstkontakt. Vertrauen.

Ich wünsche jedem Menschen da draußen, dass er irgendwann selbst spürt, wie freundlich und nährend ein Wald wirklich ist. Wie viel Frieden er schenkt, wenn man sich auf ihn einlässt. Und wie viel leichter das Leben sich anfühlt, wenn wir wieder dort ankommen, wo wir als Menschen immer schon hingehört haben.

Vielleicht brauchen wir heute keine neuen Märchen über den Wald. Vielleicht brauchen wir neue Erfahrungen im Wald. Erfahrungen, die uns zeigen, dass er nicht der Ort der Gefahr ist, als der er so oft dargestellt wird, sondern ein Ort, der uns schon immer heilen wollte.

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