Palmito-Natur, die verbindet.

Eine besondere Begegnung auf Mallorca, ein altes Pflanzenhandwerk und die wunderbare Erfahrung, dass wir manchmal keine gemeinsame Sprache brauchen, um uns zu verstehen.

Es gibt Orte, an die wir immer wieder zurückkehren. Nicht unbedingt, weil wir dort noch etwas Bestimmtes sehen oder erleben möchten, sondern weil sie sich mit der Zeit ein bisschen wie Zuhause anfühlen. Für mich ist Mallorca so ein Ort. Seit zehn Jahren reise ich regelmäßig auf diese wunderschöne Insel. Ich kenne viele ihrer Wege, kleinen Orte, Buchten und Landschaften. Und trotzdem merke ich bei jedem Besuch, wie wenig ich eigentlich von ihr kenne. Wie viel es noch zu entdecken gibt, wenn man bereit ist, genauer hinzusehen.

Ende Oktober waren wir wieder dort. Diesmal mit einem besonderen Vorhaben. Wir wollten einen Teil des Fernwanderwegs GR221 durch die Serra de Tramuntana laufen. Sieben Tage waren wir unterwegs. Viele Kilometer, etliche Höhenmeter und Landschaften, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Wir wanderten durch dichte, beinahe verwunschene Wälder, vorbei an alten Olivenbäumen, über steinige Bergpfade und durch karge Landschaften, in denen sich die Natur von einer ganz anderen Seite zeigte. Ich liebe diese Vielfalt. Die Düfte, die Pflanzen, das Licht und die kleinen Entdeckungen am Wegesrand und auch dieses Gefühl, nach einigen Stunden des Wanderns irgendwann nicht mehr darüber nachzudenken, welcher Wochentag gerade ist. Mallorca ist für mich längst mehr als ein Urlaubsziel geworden. Doch was mich am letzten Abend unserer vierzehntägigen Reise erwarten würde, hatte ich nicht geahnt.

Ein Abend, der anders kam als erwartet

Einen Tag vor unserer Abreise hatte ich einen Workshop gebucht. Ich wollte etwas über Palmito lernen, die traditionelle Flechtkunst Mallorcas, bei der aus den Blättern einer heimischen Zwergpalme Körbe, Hüte und viele andere Gegenstände entstehen. Altes Pflanzenwissen, traditionelles Handwerk und die Möglichkeit, selbst etwas mit meinen Händen herzustellen. Natürlich war ich neugierig.

Ich hatte damit gerechnet, gemeinsam mit einigen anderen Menschen an diesem Abend zu flechten. Doch als ich ankam, stellte sich heraus, dass ich die einzige Teilnehmerin war. Zunächst war ich überrascht. Rückblickend bin ich unglaublich dankbar dafür. Denn aus einem gewöhnlichen Workshop wurde eine sehr persönliche Begegnung, für die ich mir keinen schöneren Rahmen hätte wünschen können.

Aina und eine Sprache, die wir beide verstanden

Aina kam mit einem Stoffbeutel voller Materialien. Eine Frau gehobenen Alters mit lebendigem Blick, mallorquinischem Temperament und einer wunderbaren Selbstverständlichkeit in allem, was sie tat. Schon die Suche nach unserem gemeinsamen Platz wurde zu einem kleinen Abenteuer. Und bald stellte sich heraus, dass wir noch eine weitere Herausforderung hatten. Aina sprach kein Englisch. Mein Spanisch beschränkt sich auf einige wenige Worte und Sätze. Und Aina sprach vor allem Mallorquinisch, die auf Mallorca gesprochene Variante des Katalanischen.

Unsere sprachlichen Möglichkeiten waren also ziemlich begrenzt. Wir versuchten es mit einzelnen Worten, Gesten, Händen und Füßen. Wir zeigten auf Dinge, lachten und probierten aus, was die andere wohl gerade sagen wollte. Irgendwie funktionierte es.

Vor uns lagen die vorbereiteten Palmblätter. Aina zeigte mir die ersten Handgriffe. Wie die einzelnen Streifen gelegt, geführt und miteinander verflochten werden. Wie aus etwas so Einfachem langsam eine Form entsteht. Ihre Hände bewegten sich mit einer Sicherheit, die nur aus unzähligen Wiederholungen und jahrzehntelanger Erfahrung wachsen kann.

Ich versuchte, ihr zu folgen. Immer wieder sah sie zu mir herüber, kontrollierte meine Arbeit, half mir mit wenigen Handgriffen und schenkte mir ein Lächeln. Ich hätte ihr stundenlang zusehen können. Irgendwann versuchte ich ihr zu erklären, wie sehr ich es liebe, mit meinen Händen zu arbeiten. Dass mein Kopf dabei ruhig wird. Dass ich mich ganz auf das konzentrieren kann, was gerade vor mir liegt, und alles andere für eine Weile unwichtig wird. Ich weiß nicht, wieviel sie von meinen Worten verstand. Aber ich hatte das Gefühl, dass sie genau wusste, was ich meinte. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie wenige Worte es manchmal braucht, um sich verbunden zu fühlen.

Palmito und Llatra - altes Pflanzenhandwerk auf Mallorca

Die traditionelle Flechtkunst, die ich an diesem Abend kennenlernen durfte, hat auf Mallorca eine lange Geschichte. Ihre Grundlage bildet der Garballó (Chamaerops humilis), die Europäische Zwergpalme. Sie ist die einzige ursprünglich in Europa heimische Palmenart und wächst unter anderem in den trockenen, steinigen Landschaften Mallorcas.

Aus ihren Blättern entstehen durch sorgfältige Vorbereitung und das Flechten schmaler Streifen lange Bänder. Diese Flechttechnik wird auf Mallorca Llatra genannt. Aus den Bändern werden anschließend Körbe, Taschen, Hüte, Fächer und viele weitere Gebrauchsgegenstände gefertigt. Was wir heute vielleicht als wunderschönes Kunsthandwerk betrachten, war für frühere Generationen ein wichtiger Teil des alltäglichen Lebens und für manche Familien eine notwendige Einnahmequelle. Mich fasziniert daran besonders, wie eng dieses Handwerk mit der Landschaft verbunden ist. Die Pflanze wächst auf der Insel. Menschen haben über Generationen gelernt, ihre Eigenschaften zu verstehen, ihre Blätter zu verarbeiten und daraus Dinge herzustellen, die sie im Alltag benötigten. Ein Wissen, das nicht nur in Büchern bewahrt wurde, sondern vor allem durch das gemeinsame Arbeiten, Beobachten und Weitergeben. Von einer Generation zur nächsten.

Aina Pistola - ein Leben für die Flechtkunst

Die Frau, die mir an diesem Abend geduldig die ersten Handgriffe zeigte, heißt Aina Alzamora, bekannt als Aina Pistola. Sie wurde 1946 in Artà auf Mallorca geboren und gehört zu den erfahrenen Meisterinnen der traditionellen Llatra-Flechtkunst. Schon als junges Mädchen begann sie, mit Palmblättern zu arbeiten. Damals war das Handwerk nicht einfach eine schöne Freizeitbeschäftigung. Die hergestellten Gegenstände wurden verkauft, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen.

Was aus einer Notwendigkeit entstand, wurde zu einer lebenslangen Beschäftigung mit diesem besonderen Material. Aina fertigt bis heute unterschiedlichste Flechtarbeiten an. Dabei bewahrt sie traditionelle Techniken, entwickelt aber auch eigene Ideen und neue Formen. Besonders wertvoll finde ich, dass sie ihr Wissen weitergibt. In ihren Kursen lernen Menschen die alten Handgriffe kennen und tragen dazu bei, dass diese Kunst auch für kommende Generationen lebendig bleibt. Denn traditionelles Wissen bleibt nicht allein dadurch erhalten, dass wir es bewundern. Es braucht Menschen, die es praktizieren. Die ihre Erfahrungen teilen. Und andere, die neugierig genug sind, es lernen zu wollen.

Wenn die Hände beschäftigt sind, wird es im Kopf still

Vielleicht hat mich dieser Abend auch deshalb so berührt, weil ich darin etwas wiedergefunden habe, das mich schon lange begleitet. Ich liebe es, mit Naturmaterialien zu arbeiten. Pflanzen zu sammeln und zu verarbeiten, Kräutermischungen herzustellen, etwas zu gestalten oder einfach mit meinen Händen tätig zu sein. Dabei verändert sich etwas in mir. Meine Aufmerksamkeit richtet sich auf das, was ich gerade tue. Auf das Material, seine Beschaffenheit, die Bewegung meiner Hände. Ich muss nicht gleichzeitig an fünf andere Dinge denken. Beim Flechten mit Aina war das ganz ähnlich. Ein Streifen über den anderen. Festhalten. Weiterführen. Wieder von vorne. Es brauchte Konzentration und Geduld. Und gerade darin lag für mich eine wunderbare Ruhe. Nicht jeder Handgriff gelang sofort. Manches musste ich wieder lösen und neu versuchen. Doch es ging überhaupt nicht darum, möglichst schnell etwas Fertiges in den Händen zu halten. Es ging um das Tun selbst.

Was von diesem Abend bleibt

Als ich an diesem Abend ging, hatte ich nicht nur etwas über die Flechtkunst Mallorcas gelernt. Ich hatte eine Frau kennengelernt, deren Hände Geschichten erzählen. Eine Frau, die über Jahrzehnte hinweg ein altes Handwerk bewahrt hat und ihr Wissen mit einer wunderbaren Selbstverständlichkeit weitergibt. Ich durfte für eine Weile Teil ihrer Welt sein. Wir hatten keine gemeinsame Sprache, mit der wir uns mühelos unterhalten konnten. Aber wir teilten die Freude an der Arbeit mit unseren Händen, die Begeisterung für ein Naturmaterial und die Ruhe, die entstehen kann, wenn man ganz bei einer Sache ist. Ich bin sehr dankbar für diese Begegnung. Und ich weiß schon jetzt, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird, dass ich bei Aina einen Kurs besuche. Zu viel gibt es noch zu entdecken und zu lernen.

Querida Aina, gracias de corazón.


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Pflanzen am Wegesrand.